Janis Rafa – Gravediggers

Janis Rafa – Gravediggers
Freitag | 12. Januar 2018 | 14:00 Uhr


Janis Rafa *1984 (GR) | Gravediggers, 2014

Genremäßig lassen sich die filmischen Arbeiten von Janis Rafa kaum zuordnen. In cineastischer Qualität und mittleren Filmlängen bewegen sie sich zwischen experimentell-dokumentarischen Praktiken, Video-Essays und Kino-Erzählungen. Landschaften, Ereignisse und Szenarien bilden den Kern der Handlungen, wobei sich ihre authentische Schilderung mit empirischen Wahrnehmungen vermengt.

„Gravediggers“ ist ein bizarres Roadmovie, das sich perspektivisch nicht festlegt. Menschen, Maschinen, Asphalt, Natur, streunende Tiere und Kadaver überfahrener Kreaturen am Straßenrand bilden das Setting eines unwirtlichen Kosmos, den allein die bleierne Schwere einer alle und alles durchdringenden grünstichigen Atmosphäre vor dem Wegdriften in eine noch lebensfeindlichere Ewigkeit bewahrt. Auch wenn das Gezeigte einem irgendwie bekannt vorkommt, geht es hier nicht um die Schilderungen real nachvollziehbarer Orte oder Plätze. Hier waltet kein Realismus, denn repräsentiert wird in „Gravediggers“ nichts. Vielmehr ist es eine Welt, die so nur im Film existieren kann: Der bildgewordene Gedanke einer Erzählung von Tod und Verfall. Einerseits die Grundbedingung, die jeder Form des biologischen Lebens gemeinsam eingeschrieben ist. Andererseits der Abgesang auf die zivilisatorische Kultur – ein somnambuler Traum, der irritierend emotional berührt, zumal Menschliches und Nicht-Menschliches sich zu einer unerklärlichen, gegenseitig angehenden Tragödie verflechten. Aber auch wenn der Film von der Wiederholung des Verlusts außerhalb der Konventionen eines anthropozentrischen Verständnisses handeln mag, dekliniert er weder utopische Potenziale, noch will er eine nur gedachte, der Wirklichkeit entgegengesetzte Welt erschaffen. Stattdessen ist es hier die uns vertraute Welt, die in einem bemitleidenswerten Zustand aufscheint, allenthalben dort, wo sie von einem allzu starken Abrieb an der Realität zeugt.

Entsprechend kennzeichnet die Kamerafahrten ein sonderbar lakonischer Gestus, eine anrührende Melancholie, gleichermaßen von den Landschaftseindrücken und von den stoischen Handlungen der sprachlosen menschlichen Figuren ausgehend. Unter Verzicht auf technische Verfremdungsmittel oder digitale Nachbearbeitung wächst der Eindruck einer Verlangsamung des Geschehens, die unmittelbar aus den apparativ eingefangenen Momenten und Situationen sowie aus deren Erzählung resultiert – ein Vorgang ungerichteter Bewegung, die ein wesentliches Motiv der Arbeit zu markieren scheint. Eröffnet doch erst der Prozess des Durchmessens den Raum für den aufmerksamen Blick und legt noch unbekannte Perspektiven frei. Dass dabei die sprachlosen Akteure, die beiden verschroben wirkenden Insassen des Pick-ups einer räumlichen Orientierungslosigkeit ausgeliefert sind, verweist auf ein tiefes existentialistisches Phlegma: Erwartungshaltungen werden ebenso enttäuscht wie angedeutete Plots ausbleiben. Was sich aber nicht auf der Leinwand ereignet, verlagert sich in die Gedanken der Betrachter und zeugt letztlich vom Spannungsverhältnis zwischen Verweigerung und Kontemplation, zwischen Gezeigtem und der Aufforderung zur Vorstellung des Nicht-Zeigbaren, womöglich die zerstreute Wahrnehmung durch die verschmutzte Windschutzscheibe des alten Fahrzeugs selbst: Dieser Blick fällt auf eine trostlose entleerte Welt, durchmessen von Asphalt und Schotter. Das Auto aber ist hier weder Wahrnehmungszelle noch nutzt es seinen Fahrern als ein Fluchtvehikel ins Imaginäre. Vielmehr durchfährt es eine Gegenwart, die ohne Zukunft ist – ein Ort ohne Ort, in dem die Menschen einem Horizont folgen, der für immer schwindet. Denn in „Gravediggers“ liegt das mystische Versprechen nicht in der Teilhabe am Entfernten, nicht in einer religiös-transzendenten Erlösungsvorstellung, sondern im andauernd suspendierten Zustand eines Endes – des Todes, der auf den hier befahrenen staubigen Straßen und Pisten immer schon da ist, bevor er kommt … pick it up.

(Text: Marcus Lütkemeyer)

Vollständige Filmliste und Informationen zur Ausstellung: www.kunsthalle.muenster.de

Kuratoren: Dr. Gail B. Kirkpatrick und Marcus Lütkemeyer
Organisation: Isabelle von Schilcher

Die Ausstellung „beyond future is past“ ist durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert. Die Kunsthalle Münster wird unterstützt von dem Freundeskreis der Kunsthalle Münster und den Stadtwerken Münster.